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„DIE NETZWELT“: SCHOCKIEREND GUT

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Der Eingangsbereich des Cuvilliés-Theaters (Foto © by Manuel Kröger)

19.29 Uhr, München, Odeonsplatz: In einer Minute beginnt der Theaterabend im Cuvilliés-Theater, und ich finde den Eingang nicht sofort! Das ist mein erstes Mal. Naja, einmal ist bekanntlich immer das erste Mal. Endlich finde ich den Eingang. Wieder einmal komme ich zu einem Termin zu spät. Heute erwarten mich Die Netzwelt und ein freundlicher Herr im Foyer. Er sieht mir meine Situation an. Stark gehetzt, ein wenig panisch, dass ich mir nun das Stück nicht mehr anschauen und dann darüber schreiben kann. Ohne, dass ich etwas sagen muss, beruhigt er mich: „Das bekommen wir schon hin.“ Ich haste weiter direkt vor die Saaltüren. Eine freundliche Frau und ein freundlicher junger Mann begrüßen mich lächelnd, bieten mir einen Platz auf einem roten Samthocker an. Ich setze mich, stehe aber wieder auf, und stelle den beiden Fragen zu dem Theater. Freundlich beantworten sie mir meine Fragen: Früher stand das Cuvilliés-Theater dort, wo heute das Residenztheater steht. Aha! Stimmt! Das hatte ich doch schon im Laufe meines Theaterwissenschaftsstudiums in einem der Seminare gehört. „Das Cuvilliés-Theater ist das schönste Theater Münchens“, schwärmt die Dame. Glaube ich. Und ich bin gespannt; nun nicht nur auf das Theaterstück, sondern auch auf das Theater selbst.

Der prunkvolle Theatersaal des Cuvilliés-Theaters (Foto © by Stefan Zinsmeister)

Dann werde ich von dem jungen Mann zur Loge gebracht und hineingelassen. Innen erscheint mir der Theatersaal wie ein kleiner Opernsaal. Das Theater ist fast voll besetzt, ich setze mich auf einen Stuhl. Leider habe ich einen Stützpfeiler im Sichtfeld, sodass ich mich nach links und rechts beugen muss, um zu sehen, was auf der Bühne passiert. Die Bühne ist fast leer, nur vier oder fünf schmucklose Bürotische mit fest fixierten Bürolampen stehen verteilt. Von oben hängt eine große Leinwand herunter, die an die Mattscheibe eines Röhrenfernsehers oder -monitors erinnert. Darauf werden gerade Blumen, Tulpen, projiziert. Gerade sprechen Sims/Papa (Norman Hacker) und Morris (Juliane Köhler) auf der Bühne miteinander, sie diskutieren. Zuerst verstehe ich nicht ganz, in welcher Situation sich die beiden Charaktere befinden, doch dann wird mir langsam klar, dass Sims/Papa von Morris verhört wird. Sie sprechen darüber, was real sei und was virtuell; Sims/Papa meint, „virtuell“ bedeute nicht, es sei nicht auch real. Jedoch habe es keine Konsequenzen. Die Netzwelt sei ein schuldloser Raum. Morris hält dagegen: das Virtuelle habe eben doch Konsequenzen auf die körperliche Realität. Ich werde hineingezogen in die Szene, denn diese Fragen interessieren mich. Sie sind philosophisch und aktuell. Das Stück trifft meine eigene Realität und die Diskussion über das Internet, Computerspiele und virtuelle Welten, die zwar schon in vielen Filmen – The Matrix, Gamer oder Surrogates und in wie vielen noch – dargestellt und diskutiert wurden, aber hier noch einmal auf eine andere, erschreckendere, eindringlichere Art und Weise. Gesichtslose Gestalten in farblosen Morphsuits schreiten über die Bühne, die virtuellen Figuren des Refugiums, welches eine Art virtueller Club für Pädophile und Psychopathen zu sein scheint, werden von echten Schauspielern gespielt, deren Bewegungen an die Charaktere aus Computerspielen erinnern. Großartig! Und die Szene, in der Woodnut (Marcel Heuperman) von der kleinen minderjährigen Iris (Valentina Schüler) verführt wird und sich verführen lässt, ihre Beine hebt und spreizt, dem kleinen Mädchen das Höschen auszieht und seinen Kopf unter ihren Rock steckt: Ein Moment, der einen mit Ekel an den Stuhl fesselt, einem das Atmen verbietet, den Wunsch hochkommen lässt, wegzuschauen. Aber ich kann nicht wegschauen. Ich möchte wissen, was weiter passiert. Im Publikum herrscht gebannte Stille. Ein älterer Herr und eine ältere Dame mitten im Parkett stehen auf und verlassen das Theater. Das war nicht anders zu erwarten. Solche Themen erschrecken. Vor allem in solch einer Leibhaftigkeit, so real, so direkt. Da ist keine Leinwand und Kamera zwischen uns und dem Geschehen. Wir müssen uns immer wieder klar werden, dass es ‚nur’ Schauspiel ist; und doch: es ist erschreckend echt. Da wird ein Kind vor unseren Augen getötet, es wird zu einem missbrauchten Objekt. Das Schauspiel, das eine virtuelle Welt darstellen soll.

DIE NETZWELT von Jennifer Haley Premiere am 26. September 2015 im Cuvilliéstheater (Deutschsprachige Erstaufführung) Mit Fabian Felix Dott (Kind), Lili Epply (Kind), Norman Hacker (Sims/Papa), Marcel Heuperman (Woodnut), Juliane Köhler (Morris), Valentina Schüler (Iris), Götz Schulte (Doyle), Florenze Schüssler (Kind) Regie Amelie Niermeyer Bühne Alexander Müller-Elmau Kostüme Stefanie Seitz Musik Fabian Kalker Licht Gerrit Jurda Video Jan Speckenbach Dramaturgie Andrea Koschwitz Mitte Norman Hacker (Sims/Papa)

Gesichtslose Gestalten in Morphsuits und Sims/Papa (Norman Hacker, Mitte)
(Quelle: http://www.residenztheater.de)

DIE NETZWELT von Jennifer Haley Premiere am 26. September 2015 im Cuvilliéstheater (Deutschsprachige Erstaufführung) Mit Norman Hacker (Sims/Papa), Marcel Heuperman (Woodnut), Juliane Köhler (Morris), Valentina Schüler (Iris), Götz Schulte (Doyle) Mit Einverständnis der Autorin treten als Kinder Studierende der Universität Mozarteum Salzburg auf: Fabian Felix Dott, Lili Epply, Florenze Schüssler Regie Amelie Niermeyer Bühne Alexander Müller-Elmau Kostüme Stefanie Seitz Musik Fabian Kalker Licht Gerrit Jurda Video Jan Speckenbach Dramaturgie Andrea Koschwitz v.l. unten Florenze Schüssler, oben Marcel Heuperman (Woodnut)

Marcel Heuperman (Woodnut) und Valentina Schüler (Iris)(Quelle: http://www.residenztheater.de)

Regisseurin Amelie Niermeyer lässt ihre Schauspieler in Kameras sprechen, die in den Bürolampen installiert sind. Der im Theater Standard gewordene Effekt, den Schauspieler von der Leinwand herunter zu dem Publikum sprechen zu sehen, passt zu der Thematik des Stücks sehr gut: Das körperliche Schauspieler wird zu einem digitalen, einem virtuellen Abbild. Der Schauspieler wird virtuell, damit ist auch eine Frage angesprochen, das in Die Netzwelt verhandelt wird: Was passiert eigentlich, wenn jemand seinen Körper aufgibt und nur noch Geist ist? Da wir die Welt sowieso nur durch die Sinne, das Gehirn, letztendlich durch chemisch-elektrische Signale erfahren, was sollte sich ändern, wenn wir unseren Geist aus unserem Körper in die virtuelle Welt verfrachten? Was ist eigentlich mit der Moral? Sims/Papa ist der Ansicht, der Mensch darf in der virtuellen Welt endlich das tun, was er in der realen Welt nicht darf, er kann sich abreagieren, ohne dass es Konsequenzen habe. Er darf Kinder mit einer Axt zerstückeln, und muss keine Konsequenzen fürchten, weder für sich noch für das Opfer. Diese virtuelle Person wird einfach wieder neu erschaffen. Hier ist der Mensch echter als im echten Leben, seine tiefsten und perversesten Sehnsüchte und Triebe darf er hier ausleben, er darf sich von seinen Affekten reinigen lassen, eine Katharsis erleben. Und nie sei wissenschaftlich bewiesen worden, dass brutale Computerspiele die Kriminalität und Brutalität der Spieler erhöhe, argumentiert Sims/Papa. Und diese Triebe entdeckt auch Morris in sich, bei seinen Ermittlungen, als das virtuelle Alias Woodnut. Und Iris, das kleine virtuelle Mädchen ist in der analogen Welt der 60-jährige Lehrer Doyle (Götz Schulte).

Begleitet von abstrakten und ruhigen, fast meditativen Videoinstallationen, die den Blick auf lautlose Wolkenstrudel und aus den hohen Fenstern eines digitalen Palastzimmers simulieren, erspielen die Schauspieler die zwei Welten: die reale (Szenerie: Verhörzimmer) und die virtuelle (die Netzwelt); diese beiden Welten vermischen sich miteinander, und doch kann man der Geschichte gut folgen. Die Schauspieler bringen eine großartige Leistung, sie tanzen und spielen, bluten, und zum Schluss hat man sogar ein wenig Mitleid mit dem Bösewicht Sims/Papa.

Am Ende wird geklatscht, doch keine Bravorufe ertönen. Dazu ist das Thema zu ernst, dazu ist das Spiel zu real gewesen. So schnell kann man sich davon nicht distanzieren. Nachdenklich verlasse ich das Theater und habe das Gefühl, ich wurde nicht nur unterhalten, sondern auch gebildet und kulturell betätigt, ohne eine Sekunde Langeweile. Es ist schön, hinaus in den frischen Abend zu treten und den weiß leuchtenden Mond zu betrachten. Die reale Welt kann so schön sein. Und Theater kann gut sein. Ach, ja: Es ist tatsächlich eines der schönsten, vielleicht sogar das schönste, Theater Münchens.

Manuel Kröger

Quelle Titelfoto: http://www.residenztheater.de

Kategorien:Theaterkritik

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