Theater geeks Film

Culture is a big part of urban lifestyle

DIE WELT, DIE DIE BRETTER BEDEUTET – ERSTER TEIL: TRAGÖDIEN

Anfang Oktober. Es ist ein kalter Morgen. Ich warte vor dem Münchner Hauptbahnhof auf die Tram, als mich zwei Frauen aufgeregt ansprechen, die eine mich sogar an der Jacke zupft. „Können Sie bitte helfen!“, sagen sie und weisen auf irgendetwas hin, das hinter mir zu sein scheint. Verwirrt drehe ich mich um und sehe eine alte Frau mitten auf der Straße liegen. Erschrocken eile ich hin, eine Frau und ein Mann kommen hinzu. Gemeinsam helfen wir der vor sich hin murmelnden Frau auf die Beine und führen sie von der Straße weg, zu einer der Sitzbänke an der Tram-Haltestelle. Die Frau trägt eine alte blaue Jacke, eine alte Blue Jeans, alte Schuhe; ihr Kopf ist bedeckt mit weißem ungekämmtem Haar, ihr Mund ist zahnlos, ihre Gesichtshaut faltig, sie riecht unangenehm. Anscheinend ist sie obdachlos. Die Frau, die mitgeholfen hat, und ich fragen uns, was wir nun tun sollen. Wir sind etwas ratlos. Der Schreck lässt uns noch nicht los. Wie konnte die alte Frau auf die Fahrbahn geraten? Warum lag sie da? Da beginnt sie zu wimmern und ruft leise: „Ich will sterben! Ich will sterben! Ich will sterben!“ Nun ist uns klar, was passiert ist: Sie hat sich auf die Straße geworfen, in der Hoffnung, von einem Auto überfahren zu werden. Ein verzweifelter Versuch, aus der Verzweiflung geboren. Wir rufen die 112 über Handy an, beschreiben dem Beamten die Situation. Drei Knöllchenverteilerinnen sind 30 Meter von uns entfernt. Wir holen sie her. Eine von ihnen spricht mit dem Beamten am Telefon. Dann legt sie auf und meint, man könne da nichts machen. Brächte man die Frau ins Krankenhaus oder eine Einrichtung, würde sie bald wieder draußen sein, und das Spiel ginge weiter. Hier am Hauptbahnhof sei das ganz normal und einer der harmlosen Fälle. Wir lassen uns von diesen Argumenten leider überzeugen und brechen unsere Hilfsaktion ab. Wir trennen uns, lassen die alte Frau mit ihren Freunden von der Straße alleine. Ein ungutes Gefühl bleibt zurück. Später erst wird mir klar: Natürlich hätte man da helfen können und müssen! Diese Frau war suizidgefährdet! Aber wie helfen? In eine Psychiatrie bringen? In eine Einrichtung der Fürsorge? Jedenfalls irgendwohin, wo man sich um sie kümmert. Wir haben sie alleine gelassen. Gefühle der Schuld und Scham und der Wut und Trauer begleiten mich auf dem Weg zur Arbeit. Und ein Gefühl der Hilflosigkeit. Es wird mir bewusst, wie schwer es sein kann, zu helfen, das Richtige zu tun, wenn es gefordert ist. Und es gibt so viele Menschen, denen geholfen werden muss. Das macht Angst. Weil es so eine große Menge ist, die einen zu überwältigen droht. Natürlich denke ich dabei vor allem auch an die Flüchtlinge. Und hinter jeder dieser Not steht eine Geschichte, ein Drama, eine Tragödie. Und diese Tragödien sind echt. Ich wurde dort am Hauptbahnhof daran erinnert, dass es echte Verzweiflung gibt, echtes Drama. Mehr als die Alltagssorgen, die mich oft tagelang oder wochenlang für die meisten Augenblicke des Tages auf Trab halten oder lähmen, mich ganz in Anspruch nehmen und mir dramatisch vorkommen. Wenn ich beispielsweise knapp bei Kasse bin oder eine Semesterarbeit kurz vor Abgabefrist noch nicht fertig ist oder ich für Weihnachten das Geschenk für meine Familie noch zusammensuchen muss.

Theater und Film würden ohne diese extremen Schicksale wenig zu erzählen haben. So pervers es klingt: Ich glaube, Theater und Film brauchen die Verzweifelten, um existieren zu können. Geschichten brauchen Vorbilder. Menschen, die richtig in der Scheiße stecken. Menschen, die sich umbringen wollen. Menschen, die sich gegenseitig an die Gurgel gehen. Wir Zuschauer, Zuhörer und Leser lieben das Drama. Davon leben die Geschichtenerzähler. Natürlich sollte man andersherum an die Sache herangehen: Es gibt die Tragödien im wahren Leben, und das Erzählen von Geschichten ist eine Art, Schicksale zu verarbeiten, zu verstehen. Außerdem erscheint das eigene Schicksal im Vergleich mit den extremen Schicksalen entweder nicht so schlimm oder man fühlt sich weniger allein gelassen, wenn das eigene Schicksal einen verzweifeln lässt. Theater und Film sind eine Art Therapie. Der Autor beleuchtet das Schicksalsungeheuer mit dem Licht der genauen Betrachtung, und der Zuschauer betrachtet dieses Ungeheuer aus einer sicheren Distanz, gewinnt dadurch an Mut. Die wichtigste Wirkung der Tragödie – das meint jedenfalls Aristoteles – ist die Katharsis, die Reinigung von den Erregungszuständen ‚Jammern‘ (Eleos) und ‚Schaudern‘ (Phobos).

Obdachlos

„HappIness, Feelings, Openness, Balance” (© by Sascha Kohlmann)

Ich frage mich schon lange, wie genau solch eine Reinigung funktionieren soll. Eine Tragödie ist ein schweres Schicksal, das dem Held einer Geschichte unverdient widerfährt; das Jammern – also Eleos – ist der Verdruss des Zuschauers über dieses unverdiente Übel. Und wer Eleos empfindet, der nimmt Anteil an dem Schicksal der anderen Person, weil er glaubt, dieses Schicksal könne auch ihm oder einer nahestehenden Person widerfahren. Was aber hat das mit Reinigung von Gefühlen zu tun? Ich glaube, dass man durch dieses Erleben erstens ‚trainiert‘, sich auf schwere Zeiten vorbereitet, auch durch die Geschichte Handlungsvorschläge verinnerlicht. Zweitens, dass man, wie oben schon beschrieben, das Monster betrachtet, ihm vielleicht sogar in die Augen schaut und dadurch das Unfassbare fassbar wird. Drittens stelle ich mir die Katharsis wie eine Art Erschöpfung oder Entspannung vor. Es ist wie die Entspannungsmethode durch das Anspannen der Muskeln. Wenn man die Muskeln mit aller Kraft anspannt und dann wieder loslässt, ist man entspannter als vorher. Vielleicht spannen wir unseren ‚Gefühlsmuskel‘ durch das Miterleben solcher Tragödien an und wenn die Erzählung vorbei ist, ist unser ‚Gefühlsmuskel‘ umso entspannter. Und wir haben unsere Gefühlswelt ins Gleichgewicht gebracht: Jeder von uns braucht das Ausleben angenehmer und unangenehmer Gefühle, erst dann ist das Erleben vollständig. Ich baue sogar Aggressionen oder Stress ab, wenn ich mir Actionfilme anschaue.

Das Theater und der Film sind nur ein Abglanz der größten Theaterbühne, die es gibt: die Welt. Als Geschichtenschreiber fühle ich mich einerseits manchmal wie ein Amoralist, weil ich mich am Leid dieser Welt bediene. Andererseits weiß ich, dass es wichtig ist, das Leid der Welt zu zeigen. Eines ist aber besonders wichtig: Tragödien, die gut ausgehen. Ein Widerspruch. Ich weiß. Trotzdem wünsche ich mir mehr Komödien. Nicht nur auf der Theaterbühne.

 

Manuel Kröger

 

 

Quelle (Titelfoto): „Tragedy Comedy / Tragedy Masks with unaffected pedestrian” (© by Wonderlane)

 

Kategorien:Absights

Schlagwörter:, , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s