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OTELLO MEETS MET

Eigentlich ist das Wetter viel zu gut, um in die Oper zu gehen: 25 Grad und heller Sonnenschein; außerdem gibt es auch sonst natürlich viel zu sehen in New York City und wann ist man schonmal hier? Nichtsdestotrotz wage ich das Experiment ein weiteres Mal. Vor ein paar Jahren war ich in New York und habe natürlich das MET-Erlebnis mitgenommen: Don Pasquale mit Anna Netrebko. Das hörte sich erstmal nach was an. An der Abendkasse hatte ich damals noch ein Rush-Ticket für 25 Dollar ergattert. Das Ergebnis ließ allerdings zu wünschen übrig. Nach einer langen Unterhaltung mit der Klofrau in der Pause, die von der Produktion genauso enttäuscht war wie ich, bin ich einfach gegangen. Das war einfach Theater, das ich in Deutschland vor 100 Jahren erwartet hätte – grau in grau, musikalisch zwar einwandfrei, aber unfassbar eintönig und langweilig.

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Jetzt bin ich wieder in New York und will dem Ganzen natürlich noch eine Chance geben. Diesmal aber dann doch lieber eine Neuproduktion. Verdis Otello also. Die Inszenierung hatte am 21. September 2015 Premiere und ist bereits die zweite Otello-Produktion der Metropolitan Opera. Meine einzige Chance sie zu sehen ist es, meinen Nachmittag zu opfern und die Rentnervorstellung zu besuchen. Schon an der „Abendkasse“ bin ich verwirrt. Rush-Tickets werden jetzt ganz anders vergeben, und ich hätte meine Chance bereits am Vormittag ergreifen müssen. Seit neun Uhr ist alles ausverkauft, es gibt nur noch Stehplätze. Dann halt das. Wobei ich Stehen für 32 Dollar doch recht unverschämt finde, aber was tut man nicht alles.

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In der Oper merke ich schnell, dass Nachmittagsvorstellungen in den Staaten scheinbar nicht anders sind als in Europa: Die graue Welle steppt – wenige Besucher sind unter 60 und ‚Reich und Schön’ gibt sich die Klinke in die Hand, auch wenn vom Broadway-Starkult hier zum Glück wenig zu spüren ist. Schon beim letzten Mal ist mir der MET-Souvenirshop ins Auge gefallen, den ich doch etwas seltsam finde. Was ist das für ein Verhältnis zur Kunst, wenn man dann noch Regenschirme und Postkarten kaufen kann, um zu zeigen, wie kulturell beflissen man ist?

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Beim Eintreten in den Saal der Oper fühlt man sich schon ein bisschen erhaben. Alles ist sehr edel mit Kronleuchtern und so weiter ausgestattet, in jedem einzelnen Sitz und auf jedem Stehplatz gibt es eine eigene Übertitelanlage, bei der man die Sprache manuell auswählen kann. Manko ist, was man in den USA immer wieder findet: die Klimaanlage. Von Anfang an friere ich und ziehe meine Jacke in den gesamten drei Stunden, die die Vorstellung inklusive einer Pause dauert, nicht aus.

Um 13:00 Uhr geht es los, und Verdis Oper startet ohne Ouvertüre musikalisch gleich in die Vollen. Die Handlung ist durch das Shakespeare-Drama, an dem sich Verdi orientiert hat, bekannt, und auf der Bühne ist es gleich zu Beginn voll von Menschen. Der gesamte Chor und alle Darsteller eröffnen die Inszenierung; auch der Orchestergraben ist voll besetzt und bringt Verdis klangmalerische Effekte in den Zuschauerraum. Sturm ist angesagt, und ich wünsche mich ein bisschen raus in die Sonne vor der Tür. Aber schnell zieht mich die Produktion dann doch in ihren Bann, ich kann meine Müdigkeit, die ich vom Jet-Lag immer noch in den Knochen spüre, vergessen und mich voll auf Otello und seine Probleme einlassen. Hier ist gar nichts verstaubt und grau. Die Darsteller tragen zeitlose Kostüme, die sich am Barock orientieren, und die Bühne ist modern eingerichtet; mit schiebbaren Wagen, die in Milchglasoptik an Häuserfassaden erinnern.

Wenn man hier Verdi erwartet, ist man falsch, weil der in seiner quasi letzten Oper von seinen gewohnten Strukturen abweicht und keine Arienstruktur liefert.

Regisseur (Bartlett Sher) und Dirigent (Yannick Nézet-Séguin) arbeiten super zusammen, und ich rede mir ein, dass beide schon Erfahrung an europäischen Theatern gesammelt haben und es bestimmt darum so gut klappt. Es geht ja im Endeffekt doch immer um Sehgewohnheiten. Das Sängerensemble ist international. Vor allem Desdemona und Jago begeistern mich. Otello selbst geht leider ein wenig unter.

In der Pause gibt es diesmal keine Gespräche mit der Klofrau, sondern ich stelle mich raus und versuche noch ein paar Strahlen Sonne einzufangen.

Nach drei Stunden Stehen verlasse ich die Oper mit dem Gefühl, meinen Nachmittag gut genutzt zu haben. Im Programmheft lese ich nach, dass die Desdemona-Darstellerin auch schon am Münchner Nationaltheater gesungen hat und beschließe, dass ich diese im Auge behalten muss. „Sonya Yoncheva, ein Name, den man sich merken sollte“, beschließe ich und gehe in den Nachmittag. Ihre erste und vorerst einzige CD ist schon bestellt, und ich bin zufrieden.

 

Sarah Holtkamp

Kategorien:Theaterkritik

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