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IM ZWEIFEL: TÖTE DEN ZWEIFEL?

Der Zweifel kann die Inspiration verhindern und die Kreativität töten. Aber er ist auch wichtig, um nicht blind draufloszuwerkeln.

Der Zweifel ist ein ständiger Begleiter meines Alltags, meines eigenen kreativen Schaffens. Ständig ist da diese Stimme, die sagt: „Du kannst nicht schreiben, du kannst nicht Regie führen, wie soll denn ein Theaterstück von dir gut werden? Du bist doch kein [hier beliebigen Namen eines anerkannten Künstlers einsetzen]!“ Und ja: Es klappen viele Projekte, die ich beginne oder mir vornehme, nicht. Sie scheitern in verschiedenen Phasen: In der Konzeptionsphase oder nachdem ich mit einigen Mitstreitern schon Pläne gemacht habe oder während der Schaffensphase oder auch ganz zum Schluss, wenn das Werk steht, aber z. B. die letzte Aufführung verhauen wird und ich mich frage: Warum dieses Resultat? Was hat vorher alles nicht funktioniert?

Wenn ich gescheitert bin, sinke ich erst einmal in ein Loch. Ich möchte mich vor Scham verkriechen, möchte das ganze Projekt rückgängig machen, die Zeit zurückdrehen. Ich zweifle wieder einmal an meinen Fähigkeiten, an dem Sinn meines Schaffens, an meinem Erfolg, an der Welt, an den Menschen um mich herum (die ja alle so böse sind und mich nur scheitern sehen wollen!) und frage mich, ob ich nicht etwas anderes als Theater oder Film machen sollte, vielleicht bei irgendeinem Unternehmen anheuern, mein Geld verdienen und mein Leben fristen als gescheiterter Künstler. Aber dann, manchmal am nächsten Tag, oft nach mehreren Tagen oder Wochen, bin ich froh, dass ich gescheitert bin. Naja, froh vielleicht nicht wegen des Scheiterns an sich, sondern über die Erfahrungen und die Lehren, die ich daraus ziehen kann. Jedesmal habe ich gelernt, was funktioniert und was nicht funktioniert – jedenfalls für mich – und ein weiterer Pluspunkt: Jedesmal lerne ich neue Menschen kennen, mit einigen von ihnen starte ich früher oder später weitere Projekte. Aber auch jedes dieser neuen Projekte beginnt vor allem mit zwei Dingen: Euphorie und Zweifel. Die Angst zu scheitern. Und jedes Projekt ist ein Experiment.

Wenn die Zweifel mich nun blockieren oder mir Probleme bereiten: Sollte ich sie ignorieren, zur Seite schieben, töten? Eine Gegenfrage: Wie sollte ich Zweifel denn ignorieren, zur Seite schieben, töten? Das geht nicht. Die Zweifel versuche ich eher als Helfer zu sehen, dessen Einwände ich mir anhören sollte. Eine kluge oder vielleicht sogar weise Frau sagte vor ca. zehn Jahren zu mir: „Zweifel ist eine hohe Form der Intelligenz.“ Bin ich nun umso intelligenter, je mehr ich zweifle? Sicher keine Rechnung, die aufgeht. Aber zu zweifeln bedeutet, über eine Sache nachzudenken, zu hinterfragen, sich nicht zufrieden zu geben. Zu viel Zweifel aber führt dazu, dass ich es für unmöglich halte, eine bestimmte Sache umzusetzen. Zu viel Zweifel verzerrt die Wahrnehmung. Zweifel an sich aber in einem gewissen Maße (Was ist das gewisse Maß? Das muss ich, wie jeder für sich, für mich herausfinden.) führt dazu, dass ich die Möglichkeit des Scheiterns in Betracht ziehe und dadurch achtsamer und vorsichtiger werde und mich mehr anstrenge. Meist kommt dabei ein besseres Ergebnis heraus, als wenn ich nicht gezweifelt hätte. Und wenn das Projekt dann doch scheitert, darf man mich ruhig hinterfragen: Woran hat es gelegen? Um es dann beim nächsten Mal besser zu machen. Denn jedes Projekt ist ein Experiment.

Zu zweifeln ist im Moment des Zweifelns unangenehm und kann lähmen. Aber ich überwinde meine Ängste und Zweifel, indem ich mich mit anderen Menschen zusammenschließe, mit ihnen zusammenarbeite, sie um Rat und Hilfe frage und mir immer wieder Feedback geben lassen: Was halten sie von meinem Werk und von meiner Arbeit als Autor und Regisseur? Und irgendwann muss ich beginnen, ausprobieren und mich und mein Schaffen immer wieder hinterfragen. Ab einem gewissen Punkt werde ich auch wütend über meine Zweifel und dann kann ich nicht anders, als zu beginnen. Die Wut ist dann größer als die Angst vor dem Scheitern.

Hätte ich immer auf meinen Zweifel gehört, wäre ich nie gescheitert? Nein, ich wäre trotzdem gescheitert. Hätte ich meine Zweifel ignoriert, wäre ich nie gescheitert? Nein, ich wäre trotzdem gescheitert.

Der Zweifel fördert mich. Aber um mit dem Zweifel umzugehen und nicht zu verzweifeln, brauche ich Ausdauer. Trotz Zweifel weitermachen, mich durch den Prozess des Zweifelns durchkämpfen und mir selbst Fragen beantworten, die auftauchen, mir dadurch klarer über das eigene Handeln und Wollen werden. Erst der Zweifel bringt mich dazu, mich mehr anzustrengen. Ausdauer, Geduld und der Mut zu scheitern: Das ist mir wichtig, um mit dem Zweifel umgehen zu können. Und das Wissen: Jedes Projekt ist ein Experiment.

Manuel Kröger

 

Quelle Titelfoto: Doubt (© Jason Taellious)

Kategorien:Absights

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