Theater geeks Film

Culture is a big part of urban lifestyle

IM HERZEN DER FINSTERNIS – THEATER DER MIGRANTEN

Flüchtlinge und Migranten aus Afrika und dem Nahen Osten erzählen in einer Performance von ihren Erfahrungen während der Flucht und dem Dschungel der Bürokratie in Deutschland und Europa.

Es ist Sommer in Berlin! Ich fahre zum Flutgraben 3 im Osten Berlins, Nahe der Hoppetosse, an der Spree. Das junge Partyvolk ist unterwegs, ich erschnorre mir von einem Pärchen Tabak, Blättchen und Filter für eine Zigarette. Ich spüre das vibrierende Berlin, mein Zuhause, wo Menschen sich leicht und gern begegnen. Und nicht nur auf Elektropartys, sondern auch in einem alten Fabrikgebäude. Dort performt heute im Rahmen des Performing Arts Festival Berlin das Theater der Migranten ihr „Herz der Finsternis“, eine Anlehnung an Joseph Conrads Roman von 1899. Um 22 Uhr soll es beginnen. Ich bin zu früh da, habe daher noch die Gelegenheit, mit der Produktionsassistentin über die Inszenierung zu sprechen. Sie erzählt mir von der Suche in Berliner Flüchtlingsheimen nach Schauspielern, von den Schwierigkeiten, überhaupt eine Genehmigung zu erhalten, dort anzufragen. Schließlich fanden sich genügend (ich weiß nicht, wie viele). Während der Proben gab es Sprachschwierigkeiten – die meisten sprechen Französisch – , aber meist gute Laune. Trotz all dieser schwierigen Erfahrungen bringen sie alle unglaublich viel Freude und Spaß mit!

Dann beginnt die Performance. Draußen pumpt der Beat einer Elektro-Party, drinnen in der fast leeren Fabrikhalle pumpt ein rotes Herz als Projektion auf der weißen Wand. Die Spielfläche nimmt fast die gesamte Halle ein, davor sind ca. fünfzig Stühle aufgebaut, mit einem Stahlzaun abgesperrt. Wir Zuschauer blicken durch den Gitterzaun den Darstellern zu. Sollen wir uns setzen? Sollen wir stehen bleiben? Niemand weist uns an. Also beginnen wir uns zu setzen.

Die Darsteller setzen sich auch auf Stühle. Sie holen fünf Leute aus dem Publikum. Diese müssen mehrere sitzende Darsteller ablaufen und Fragen beantworten:

„Sind Sie ein Verbrecher?“ – „Nein.“ – „Das ist gut. Bitte weitergehen!“

„Haben Sie Terroristen in Ihrer Familie?“ – „Nein.“ – „Gut. Bitte weitergehen!“

„Essen Sie gerne Kartoffeln?“ – „Ja.“ – „Das ist gut. Bitte weitergehen!“

„Sind in Ihrer Familie Fälle von Wahnsinn aufgetreten?“ – „Nein.“ – „Gut. Setzen Sie sich bitte!“

Die Zuschauer dürfen wieder ihre Plätze einnehmen. Es wird mit beschrifteten Schildern performt, erneut Leute auf die Bühne geholt, zu Michael Jackson getanzt und anschließend gemeinsam ein überdimensionales Papierschiff aus Milchkarton gefaltet. Das Publikum ist international: Wir sprechen Deutsch, Englisch, Französisch. Die Performance ist nicht nur ernst, wir müssen öfters lachen. Nach einer halben Stunde ist mit dem Bau des Schiffes die Darbietung beendet, nun drehen wir uns um zur weißen Wand und schauen uns ein 30-minütiges Video an, das den Rest der Performance aus dem August 2015 zeigt: Das Schiff wird von den Darstellern und den Zuschauern durch Berlin getragen, angeleitet von der Schauspielerin Genifer M. Habbbasch, die vor über zwanzig Jahren mit ihren Eltern aus dem Kongo nach Deutschland kam. Es geht auf ein echtes Boot. Die Flüchtlinge bleiben am Ufer, die Zuschauer begeben sich auf eine nächtliche Flussfahrt auf der Spree. Einer der Darsteller erzählt seine Geschichte der Flucht. Irgendwo in Süd-Neukölln endet die Flussfahrt, die Teilnehmer gehen wieder an Land und erreichen ein Haus. Beim Betreten müssen sie über die Körper mehrerer Darsteller steigen, die wie tot auf dem Boden liegen. Dann ist auch der Film beendet.

Wir drehen uns wieder Richtung Bühne und klatschen den Künstlern Beifall, uns wird von ihnen ebenfalls Beifall geklatscht. Anschließend gibt es ein Gespräch zwischen Künstlern und dem Publikum. Wir erfahren, dass der Regieassistent, Richard Djil, ein Filmregisseur aus Kamerun ist, der aufgrund seiner Filme fliehen musste. Außerdem erfahren wir, dass das Theaterspielen zwar nicht hilft, die Erfahrungen zu vergessen, aber das Gefühl, von einem Publikum gehört und gesehen zu werden, gut tut; es stärkt die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Das Theater der Migranten realisiert seit 2007 Projekte, die wir als Zuschauer unbedingt unterstützen sollten. Geht hin, schaut es euch an, es lohnt sich!

Konzept und Regie: Olek Witt

Regieassistenz: Richard Djif

Bühne und Kostüme: Hendrik Scheel.

Mit: Martin Moukodi, Oumar Aghali, Seyni Maiga, Abidal Bance, Ismael Ouedraogo, Richard Djif, Harber Sacko, Peguy Takou Ndie, Soni Taskiner, Tiemoko Sangare, Mohammed Darbouka, Parwez Akburi, Sam Shahmansoori, Hossein Hosseini, Amir Naderi, Genifer M. Habbasch, Ursula Wolschendorf und Jutta Armgard.

 

Quelle (Titelfoto): © by Michael Müller

Kategorien:Theaterkritik

Schlagwörter:, , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s