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PERFORMING-TOUR DURCH BERLIN: ÉCOLEFLANEURS

Ariel Efraim Ashbel, ein Theaterregisseur und Performer vom HAU Berlin, führt Anna (Name geändert) und mich auf seiner The post-personal tour with Ariel Efraim Ashbel durch Berlin. Gemeinsam besuchen wir drei Performances, die er für uns ausgesucht hat. Die erste Station ist Écoleflaneurs.

Es ist 13:10 Uhr am Kotti in Berlin. Ich haste die Außentreppe zur Vierten Welt in der Adalbertstr. 4 hoch. Schwer zu finden, ich muss erst in einem türkischen Kiosk nachfragen. Um 13:15 Uhr soll es beginnen. Bekomme ich noch meine Tickets? Johanna, eine der Organisatorinnen des Performing Arts Festival 2016, beruhigt mich: Wir beginnen erst um 13:30 Uhr. Ich bin sogar der erste Besucher. Hier in Berlin kommen die Leute gerne etwas später, das wurde eingeplant. Wir plaudern nett, rauchen, die Sonne scheint, unten brummt die Stadt, ich bekomme meine Tickets und nach und nach trudeln auch die restlichen Gäste ein. Wir betreten den weißen und fast leeren Raum der Vierten Welt. An den Wänden hängen Blätter mit Zitaten von Persönlichkeiten, wie Walter Benjamin (u. a., die ich mir nicht merken konnte), in denen sie über das Gehen/Flanieren philosophieren. Wir befinden uns hier in der Schule des Flanierens, bei Écoleflaneurs, und schon beginnt auch Elke Schmid uns in die Kunst des Flanierens oder auch in die Kunst des Sichverlierens einzuweisen. Diese Kunst hat einen Fachausdruck: Flaneurismus. Man kann dazu sogar Seminare auf der Uni Kassel oder der Bauhaus-Universität Weimar besuchen. Diese Fachrichtung nennt sich dann Promenadologie (Spaziergangswissenschaften).

Elke Schmid erklärt uns, was der Flaneurismus ist: Wenn wir durch die Stadt flanieren, sollen wir das möglichst langsam, aber möglichst natürlich gehen und uns von unseren Augen und der Stadt leiten lassen. Wir sollen unsere Umgebung mit allen Sinnen bewusst wahrnehmen. Wir üben im Raum zu flanieren. Gar nicht so leicht, sich „gehen zu lassen“, anstatt aktiv zu gehen. Noch schwieriger ist es, im Schildkrötentempo zu gehen und sich dabei natürlich zu bewegen. Als Nächstes dürfen wir uns einen aus ca. 50 neonorangefarbenen Spazierstöcken aussuchen. Er darf nicht zu lang und nicht zu kurz sein, und wir dürfen uns nicht aufstützen. Mit unseren passenden Stöcken flanieren wir ebenfalls übungsweise durch den Raum. Mittels französischer Chansons werden wir in Flanierstimmung gebracht.

Dann geht es in Vierergruppen (ein Leiter und drei Teilnehmer) hinaus auf die Straße. Regeln sind: 1. Smartphones aus, 2. nicht sprechen, 3. nicht essen, trinken oder rauchen, 4. sich gehen lassen, 5. in einer locker zusammenhängenden Gruppe bleiben. Wir flanieren an Sportwettenbüros, Bars, Kneipen vorbei, die ersten irritierten Blicke treffen uns, leise hört man es murmeln: „Was machen die denn da?“ Ich versuche, mich auf das Flanieren zu konzentrieren, aber wer bewusst wahrnimmt, nimmt eben Vieles wahr. Egal, ich lächle, und weiter geht es. An Touris, Biertrinkern, Drogendealern und Gruppen von türkischen Jugendlichen vorbei. Und durch die Straßen, über Plätze und durch Parks. Ich höre die Gespräche der Passanten genauer als sonst, achte auf Details an Hauswänden, die ich sonst nie gesehen hätte, spüre den Puls der Stadt intensiver als sonst. Ein Passant fragt mich, ob das jetzt die neueste Mode sei, ich lächle ihn nur an, denn es herrscht ja Redeverbot. Der Passant bekommt nur einen Zettel mit Infos über Écoleflaneur in die Hand gedrückt, aber keine Antwort. Ärgerlich abwinkend zieht er von dannen, wir flanieren weiter. Ich möchte am liebsten diesen leuchtenden Stock fortwerfen und einfach so weiterschlendern. Aber er erinnert mich darin, langsam und bewusst zu gehen. Der Impuls, sich dem Tempo der Mitmenschen anzupassen, ist stark. Nach 60 Minuten ist die Performance beendet, wir kehren in die „Normalität“ zurück: Wir sprechen, gehen schneller, kehren zur Vierten Welt zurück. Obwohl: Ich flaniere immer noch mit dem Stock, aber diesmal entspannter. Weil ich es will und nicht muss. Flanieren ist anstrengend: Meine Kniee tun weh.

 

Quelle Titelfoto: © by Aurel Arnoldt

Kategorien:Theaterkritik

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