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UNBEZAHLTE HOSPITANZEN AM THEATER? NICHT MIT MIR!

Am Theater und in der Kunst gibt es Einiges, das mich nervt. Eines davon ist das Kreuz mit der Hospitanz. An den großen Häusern als Hospitant angenommen zu werden, ist gar nicht so schwer, nur: Sechs Wochen einen nahezu Vollzeitjob für umsonst zu machen, ist in einer Stadt wie München nicht für jeden möglich. Besonders nicht, wenn man noch studiert, kaum etwas ansparen konnte und auch nicht das große Geld verdient.

Sicher: Theater und Kunst hatten und haben meist große Schwierigkeiten Geld zu generieren. Jedoch braucht ein Hospitant auch kein großes Gehalt zu erhalten. Hier geht es eher um die Wertschätzung. Meist beschränkt sich die Wertschätzung aber darauf, dass der Hospitant „eine tolle Erfahrung“ machen und Teil „eines netten Teams“ sein darf. Besonders an den größeren Theaterhäusern ist das üblich. In den Anzeigen ist eine leichte Arroganz herauszulesen: „Du, kleiner Hospitant, darfst froh sein, an unserem Haus überhaupt zu arbeiten. Diese Ehre sollte doch Bezahlung genug sein!“

Es ist natürlich eine Ehre, an einem renommierten Theater hospitieren zu dürfen. Aber die Bezeichnung „Hospitanz“ ist nur ein anderer Name für „unbezahltes Praktikum“, und zwar meist ein Vollzeitpraktikum.

Ende 2015 bewarb ich mich an einem der größten Theaterhäuser in München, für eine Stelle als bezahlter Praktikant, die es sogar auch noch gibt. Dazu gleich mehr. Beim Bewerbungsgespräch eröffnete mir der Regieassistent, dass sie mir das bezahlte Praktikum leider nicht anbieten könnten, diese Stelle sei schon besetzt. Aber sie könnten mir einen Platz als Hospitant anbieten, natürlich unbezahlt. Ich fühlte mich leicht auf den Arm genommen, fragte nach, weshalb überhaupt Hospitanten kein Geld gezahlt werde. Der Assistent meinte, er fände es selber nicht gut, aber so sei das eben am Theater. Ich war verärgert, wollte aber unbedingt an diesem Haus arbeiten. Daher war ich drauf und dran, meine Prinzipien zur Seite zu legen und der Sache zuzustimmen. Wie sei denn der zeitliche Aufwand? Mir wurde gesagt, es sei die Anwesenheit an möglichst vielen der täglichen Proben (jeweils 10 – 14 Uhr und dann noch einmal von 18 – 22 Uhr) Voraussetzung, es gebe aber mehrere Hospitanten, mit denen ich meine Zeiten abstimmen könne, um nebenher zu studieren. Wichtig sei unter anderem, das Regiebuch immer perfekt zu führen, und es sei auch die ein oder andere Nachtschicht mit drin. Natürlich gebe es noch andere Bewerber. Ich nickte, wir verabschiedeten uns, er wolle sich bei mir melden, versprach mir der Assistent. Als dann einige Tage später sein Anruf kam, und er meinte, sie hätten sich für mich entschieden, freute ich mich natürlich erst einmal. Dann fragte er, ob ich nicht ein Seminar des jetzigen Semesters in das nächste verschieben könne, um mehr Zeit für die Produktion zu haben. Hier reichte es mir und ich verneinte. Meinen Ärger mühsam beherrschend meinte ich, es sei unglaublich, was verlangt werde, für ein wenig Ehre und eine tolle Erfahrung. „Da darfst du dir keine Illusionen machen“, bekam ich als Antwort. „Am Theater musst du erst einmal eine unbezahlte Hospitanz machen, bevor du ein bezahltes Praktikum machen darfst.“ Daraus wurde also nichts. Ich entschied mich für mein Prinzip, das sicher nicht nur mein Prinzip ist: Arbeit sollte angemessen entlohnt werden.

Ein Hospitant ist natürlich noch nicht voll einsatzfähig, im Vordergrund steht bei ihm das Lernen und das Sammeln von Erfahrungen, vielleicht schafft er es auch, auf sich aufmerksam zu machen und ein Netzwerk aufzubauen. Trotzdem setzt er seine Arbeitskraft und Zeit ein und eine Theaterproduktion ist ohne Hospitanten und Praktikanten kaum zu bewältigen. Da sollten doch 300 oder 400 Euro im Monat für den Hospitanten eine angemessene Bezahlung sein. Ob sich das die Theater leisten können? Sie sollten es sich leisten. Die finanzielle Situation der Theater ist sehr schwer, das ist mir wohl bewusst. Selbst finanziert sich diese Kunst leider nicht. Ca. 20 Prozent des Budgets tragen die Theater selbst, 80 Prozent muss der Staat/das Land/die Kommune zuschießen, damit das Theater möglichst unabhängig von Verkaufszahlen produzieren kann. Was ich als einen wichtigen Schritt sehe, um diese finanzielle Situation der Theater zu entschärfen (und damit auch – um auf das Thema dieses Beitrags zurückzukommen – den Hospitanten einen monetären Obulus zahlen zu können), ist die Umstrukturierung der Theaterbetriebe und möglicherweise auch eine gerechtere Verteilung der Gehälter. Es gibt Berichte über hohe Gehälter der Intendanten. Mit der Umstrukturierung haben die meisten Theater bereits begonnen, wohl aber noch nicht zur Genüge.

Ich möchte hier abschließend den Leiter des Instituts für Theaterwissenschaft der LMU München (und einer meiner Professoren), Christopher Balme, zitieren:

Das Angebot an Theaterwilligen ist hoch, deshalb können sich die Theater die Praxis leisten, Hospitanzen als Praktika mit verantwortungsvollen Aufgaben anzusehen, sie aber nicht so zu entlohnen. Angesichts der immensen Personalkosten ist dieses Verhalten aber auch der städtischen Budgetierung geschuldet. Ausserdem hängt es darüber hinaus auch von eigenem Verhandlungsgeschick und den individuellen Kompetenzen ab, ob man bezahlt wird.

 

Manuel Kröger

 

Quelle Titelfoto: © Jeffrey Smith (state theater 2)

Kategorien:Insights, Theater

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  1. Die geringe Wertschätzung im Kunst- und Kulturbereich macht mich auch immer ein bisschen wütend und 6- monatige unvergütete Praktika auszuschreiben finde ich einfach nur dreist- leider aber keine Seltenheit.

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  2. Das wirklich unsoziale ist, dass an den meisten Ausbildungsstätten bis zu zwei Jahren solcher Erfahrungen Voraussetzung für die Zulassung sind. Kann Theater nur noch von Berufssoehnen und – Töchtern angestrebt werden???

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