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IWANOW AM RESI – DREI LANGE STUNDEN GROSSES SCHAUSPIEL

Regie: Martin Kušej

Bühne: Annette Murschetz

Mit: Thomas Loibl, Sophie von Kessel, René Dumont, Oliver Nägele, Juliane Köhler, Genija Rykova, Till Firit, Hanna Scheibe, Paul Wolff-Plottegg, Marcel Heuperman, Ulrike Willenbacher, Arnulf Schumacher, Alfred Kleinheinz, Max Koch, Jeff Wilbusch, Pauline Fusban

Es wird gelacht, gerufen und gegähnt. Martin Kušej bringt im Münchner Residenztheater Tschechow auf die Bühne, mit einem (ver)zweifelnden Iwanow, gespielt von einem großartigen Thomas Loibl.

IWANOW/Residenztheater

Anton Tschechow hat ein langes Stück geschrieben, das die tödliche Langeweile zelebriert. Kušej zelebriert diese Langeweile auf der Bühne, was gar nicht so uninteressant zu erleben ist. Iwanow (Thomas Loibl) ist ein verschuldeter Großgrundbesitzer, und er hat keine Kraft zum Leben mehr. Er liebt seine Frau Anna Petrowna (Sophie von Kessel) nicht mehr, die laut der Diagnose des Arztes Jewgeni Lwow (Till Firit) an Schwindsucht leidet, er kann kein Mitleid mehr empfinden, keine Freude, er ist am Ende. In Pawel Lebedjews Haus ist zwar Geld vorhanden, doch Pawel selbst, gespielt von einem fantastischen Oliver Nägele, besitzt nur 10 000 Kopeken, die er versteckt hat; seine Frau, die „lebendige Sparkasse“, besitzt ein geschätztes Vermögen von einer Million. Pawel kippt einen Vodka nach dem anderen herunter. Seine Tochter Sascha (Genija Rykova) hat Geburtstag, und der feine Kleinadel, der aus gescheiterten Intellektuellen besteht, kommt zusammen. Diese Gesellschaft zu nichts zu gebrauchen, außer zum Trinken, Kartenspielen und Sich- gegenseitig-Beschimpfen oder An-den-Arsch-Grapschen. Hier herrscht die Apathie und die Langeweile. Ähnlich auch im Publikum. Wenn die Charaktere davon sprechen, wie langweilig es doch ist, müssen wir Zuschauer laut lachen, da das Stück sich hier selbst ironisch reflektiert. Manche Zuschauer rufen sogar hinein: „Ja, hier unten ist es auch langweilig!“ Die Schauspieler lassen sich sehr viel Zeit, oft sitzen sie nur schweigend da, manchmal ist eine Weile nur Stühle auf der Bühne. Ein Zuschauer ruft: „Weiter, bitte!“ Wir lachen. Nach anderthalb Stunden ist Pause.

IWANOW/Residenztheater

Als die zweite Hälfte beginnt, sitzen wieder alle Zuschauer auf den Plätzen. Trotz, dass es sich hinzieht: Irgendetwas hält uns in Erwartung. Die Schauspieler spielen weiter. Sie sprechen zum Teil sehr leise und schwer verständlich. Ein Zuschauer ruft hinein: „Geht es noch leiser?!“ Der nächste ruft: „Lauter!“ Einer Zuschauerin platzt der Kragen: „Lauter, verdammt nochmal!“ Das war zu viel. Auch für uns, das Publikum. Es ist nicht mehr lustig. Lautes Gelächter und großen Beifall dagegen erhält der souveräne Marcel Heuperman, der nun als Antwort auf den Ausruf der Dame beginnt, zu flüstern, ganz, ganz leise, sodass wirklich nichts mehr zu verstehen ist.

Danach wird das Publikum wieder ruhig, die Schaupieler lauter und das Stück nimmt seinen Lauf. Iwanow versteht nicht, wieso Sascha ihn, den gebrochenen Mann, liebt. Saschas Monolog über die Liebe der Frau berührt mich sehr. Dann geschieht nichts Spektakuläres mehr, außer dass Anna Petrowna stirbt, Iwanow die Hochzeit mit Sascha kurz vor dem Ja-Wort absagt und sich schließlich vor den Gästen erschießt.

IWANOW/Residenztheater

Insgesamt haben durch den Abend getragen die wirklich sehr guten Leistungen der Schauspieler, allen voran Thomas Loibl, Oliver Nägele und Marcel Heuperman, und die bewusste Zelebrierung der Langeweile und die Reaktionen, die dadurch beim Publikum hervorgerufen wurden. Das Bühnenbild wurde von der preisgekrönten Annette Murschetz gestaltet: Zwei Räume (einer in Iwanows Haus, einer in Pawels Haus) mit jeweils einer Flügeltür und an die 20 Stühlen; diese Räume sind vom Aufbau vollkommen identisch, nur ist Iwanows Raum grau, die Tür ausgehängt und auf Boden und Stühlen liegt zentimeterdicker Staub. Asche zu Asche, Staub zu Staub. Pawels Haus dagegen ist blendend weiß und ordentlich.

IWANOW/Residenztheater

Diese Inszenierung empfehle ich den Besuchern, die am Erlebnis der Theatervorstellung an sich und an gutem Schauspiel interessiert sind, aber niemandem, der eine spannende, unterhaltsame Geschichte sehen möchte.

Kommende Inszenierungen:

  • 08.06.16, 19:30 Uhr
  • 21.06.16, 19:30 Uhr
  • 30.06.16, 19:30 Uhr
  • 05.07.16, 19:00 Uhr
  • 16.07.16, 19:00 Uhr
  • 20.07.16, 19:00 Uhr

Manuel Kröger

Fotos © by Matthias Horn

Kategorien:Theaterkritik

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