Theater geeks Film

Culture is a big part of urban lifestyle

PERFORMING-TOUR DURCH BERLIN: ALL TAG

Nachdem Anna, Ariel und ich mit den ÉCOLEFLANEURS durch Berlin-Kreuzberg flaniert waren und die Stadt viel intensiver, mit einem viel genaueren Blick und einem befriedigenderen Gefühl als sonst erlebt hatten, versorgten wir uns mit Fahrkarten, Limo und Zigaretten und fuhren mit der U-Bahn und der Tram nach Prenzlauer Berg. Dort wollte Ariel mit uns an der Performance ALL TAG – Ein Heimspiel von und mit Max Howitz teilnehmen. Diese sollte in einer Privatwohnung stattfinden. Wir waren etwas irritiert, fragten uns, ob das tatsächlich eine Privatwohnung sei, ob der Max dort selbst wohnen würde. Was für eine ungewöhnliche Art, Kunst zu machen!

Das Performing Arts Festival kündigte die Performance von Max auf Ihrer Website an:

Willkommen im Kopf von Max Howitz. Wühlt ruhig in den Erinnerungen und Träumen, schmeckt seine bittersüße Ex-Freundin und streichelt seine Gewissensbisse. Site specific theater in einer Wohnung über Identität, Intimität und rosa Elefanten.

Gespannt schritten wir um 16:00 Uhr die dunklen Treppen des Mietshauses hinauf, angeführt von Lisa, einer Helferin beim Performing Arts Festival, bis wir vor die Tür der besagten Wohnung kamen. Lisa öffnete uns die Tür, und wir hörten eine Stimme, die uns über Lautsprecher anwies: „Please go straight into the living room.“ Wir taten, wie uns geheißen. Neugierig schauten wir uns um: Es schien eine normale Wohnung zu sein. War diese jetzt extra so hergerichtet, oder war es tatsächlich eine normale Privatwohnung? Diese Frage beschäftigte mich ich immer noch.

Die Stimme aus dem Lautsprecher sprach wieder zu uns, bat uns nun, dem Mann im grünen Pullover und dem Radio in der Hand zu folgen. Welcher Mann im grünen Pullover? Eine Zimmertür öffnete sich und heraus trat Max Howitz in einem grünen Kapuzenpullover und einem Radio in der Hand. Aha! Wir folgten ihm in die Küche. Dort stellte er das Radio auf dem Boden ab. Nun sprach eine Stimme aus dem Radio, abgespielt von einer Kassette. Sehr retro, gefällt mir! Ich bin in Berlin! Auf dem Esstisch in der Küche stand eine elektronische Schreibmaschine, die plötzlich von selbst begann auf einen eingespannten Papierbogen zu schreiben. Unter anderem begüßte uns die Maschine. Ich fühlte mich wie in dem Haus der Adams Family, nur in einer moderneren Version.

vlcsnap-2016-06-01-08h24m21s78

Max saß am Küchentisch und befolgte die Anweisungen der Radiostimme. Er tat, als schlüge er seinen Kopf auf die Tischplatte, stützte sich an die Wand neben ihm und öffnete dann das Küchenfenster zum Hof, stieg auf das Fensterbrett und lehnte sich hinaus. Die Stimme sagte: „Max, jump!“ Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken, wir wussten nicht: Sollten wir eingreifen oder nicht? Würde es eine sehr kurze Performance werden, wenn wir nicht eingriffen? Auf der anderen Seite des Hofes saßen ein junges Pärchen rauchend am Fenster, und der weibliche Part rief erschrocken: „Nicht springen!“ Da musste ich dann doch lachen. Kunst und Realität verschmolzen hier zu einem. War das abgesprochen? Oder eine spontane Aktion, die zum Teil der Performance wurde?

vlcsnap-2016-06-01-08h26m53s196

Max sprang nicht. Er stieg wieder vom Sims herunter, schloss das Fenster, und die Performance ging weiter. Er bot der „beautiful woman“ in unserer Küche einen Tee an, führte uns dann wieder in das Wohnzimmer. Dort spielten wir mit Max abwechselnd das Brettspiel „Dame“ mit Karotten- und Ingwerscheiben, die Max mitten im Spiel in sich hineinstopfte, kaute und hinunterschluckte.

vlcsnap-2016-06-01-08h32m13s77

Nächste Station war das Schlafzimmer. Er legte sich in das Bett („Max was in love with himself“), unter das Bettlaken und verschwand plötzlich. War ein Loch in der Matratze? Dann kam eine Gestalt in einem grünen Pullover mit Kapuze über dem Kopf unter dem Bett hervorgerobbt und hängte Erinnerungsfotos von Max und seiner Freundin, Emilie, an die Wand.

vlcsnap-2016-06-01-08h36m31s113

Erst nach mehrmaligem Hinschauen sah ich, dass die Gestalt im grünen Pullover nicht Max war, sondern Emilie Jedwab Wroclawski. Nun kam auch Max unter dem Bett hervor und die Stimme im Radio lud uns ein, Verstecken zu spielen. Anna, Ariel und ich rannten vergnügt wie Kinder in ein Versteck – ich nahm die Speisekammer. Schnell war einer von uns gefunden und das Spiel vorbei. Nun begann die Performance realer und alltäglicher zu werden, gleichzeitig aber wurden wir Zuschauer immer unrealer: Max und Emilie stritten sich, schlugen sich auf dem Boden, jagten einander durch die Wohnung, und Anna, Ariel und ich wurden nicht mehr miteinbezogen.

vlcsnap-2016-06-01-08h42m23s59

Wir waren nur noch unbeachtete Beobachter, als hätten wir Tarnkappen auf oder wären Geister, die in irgendeine Wohnung eingedrungen waren und den dortigen Alltag miterleben, ohne dass die Bewohner davon wüssten. Max und Emilie vertrugen sich wieder und beschlossen dann, einen Porno zu drehen.

vlcsnap-2016-06-01-08h46m12s54

Vorerst aber kochte Emilie noch, und Max meinte, er müsse noch einmal hinunter, zog sich die Schuhe an, nahm die Aktentasche, verabschiedete Emilie und dann auch uns (wissen diese beiden, dass wir ihnen zuschauen, und es ist ihnen egal?). Emilie legte nach einigem Gemüseschnippeln das Messer zur Seite und bedeutete uns, mit ins Wohnzimmer und auf den Balkon zu kommen. Wir erhielten leere Toilettenpapierrollen und schauten durch diese wie durch ein Fernrohr in die Fenster der Nachbarn auf der anderen Straßenseite.

vlcsnap-2016-06-01-08h51m17s8

Auf einmal erschien unten auf der Straße Max in einem pinken Elefantenkostüm. Er hielt eine verunsicherte Fahrradfahrerin an, schmiss sich vor einem irritierten Businesstypen in weißem Hemd und Aktentasche auf den Boden und verfolgte Passanten, die leicht Angst bekamen. Der Sinn dieser Aktion erschloss sich mir nicht, aber ich hatte herzlich was zum Lachen.

vlcsnap-2016-06-01-08h52m12s66

Max kam wieder herauf, ohne Kostüm, als sei nichts gewesen, und wir durften Zeuge sein, wie Emilie auf der Toilette saß und Max sich in einer Badewanne wusch. Sie sprachen und sangen miteinander, z. B. über pinke Elefanten. Schließlich war er mit Waschen fertig, er trocknete sich ab, verließ das Bad, sie schrie, er solle gefälligst die Tür schließen, und wir folgten Max ins Schlafzimmer.

vlcsnap-2016-06-01-08h57m25s90

Max zog sich eilig an, Emilie betrat das Zimmer, sie setzten sich auf das Bett und…drehten keinen Porno, sondern erinnerten sich an alte Zeiten, zogen einer Lampe einen grünen Kapuzenpullover über, schoben ihre Arme durch die Ärmel und ließen die Lampe den Schluss eines Märchens der Gebrüder Grimm lesen. Max lieh der Lampe seine Stimme. Und mit dieser Geschichte endete auch die Beziehung von Max und Emilie

vlcsnap-2016-06-01-09h03m35s201

Dann zog sich Emilie eine Taucherbrille über, Max nebelte das Zimmer mithilfe einer Nebelmaschine ein, Emilie verschwand wieder im Bett und wir verschwanden in die Küche, wo die Schreibmaschine den Dank und die Credits auf ein Papier druckte.

vlcsnap-2016-06-01-09h06m18s43

Die Performance war beendet, wir klatschten Beifall, ich war fasziniert. Theater in einem privaten, realen Raum! Wir als privilegierte Zuschauer eines fremden Alltags: Ein Traum wurde wahr! Der voyeuristische Wunsch, der in uns allen steckt, die Neugier nach dem Geschehen hinter den Wänden fremder Wohnungen. Diesen Wunsch einmal unerwartet befriedigt zu bekommen: ein unbeschreibliches Gefühl.

Max schreibt auf seiner Homepage:

In dieser Diplomarbeit habe ich mich ganz bewusst gegen die Guckkastenbühne entschieden, um in mehrmonatiger Arbeit das Potential von Theater außerhalb des Theatergebäudes zu erforschen. Das Ergebnis ist unkonventionelle, aber amüsante Unterhaltung mit Tiefgrund.

Die Zuschauer bewegen sich frei durch eine Wohnung und erleben das „Bühnengeschehen“ hautnah.

Ich erzähle als Max Howitz mit verschiedenen theatralen und performativen Mitteln aus meinem Leben. Die Wohnung mit privaten Einrichtungsgegenständen und Fotos untermauert die Glaubwürdigkeit des Lügengebäudes, das während der Aufführnug von mir und der Schauspielerin konstruiert wird. Die Alltagsgegenstände werden ihrer ursprünglichen Funktion beraubt, mal werden sie zu Protagonisten einer Geschichte, dann widerum dienen sie als Projektionsflächen von Gefühlen oder eröffnen assoziativ eine absurde Welt.

Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, Szene und Alltag, Bühne und Zuschauerraum zerfließen.

Im Gespräch mit den beiden Künstlern, Max Howitz und Emilie Jedwab Wroclawski erfuhren wir, dass Max nicht in dieser Wohnung lebt, aber eine Mutter mit ihrer Tochter, die die Wohnung zur Verfügung gestellt hat. Max sucht sich immer neue Wohnungen, um dort seinen ALL TAG vorzuführen, gerne immer wieder, er kann sogar gebucht werden. Oder ihr stellt ihm selbst eure eigene Wohnung zur Verfügung, dann performt Max mit seiner Spielpartnerin bei euch für euch; nicht nur ALL TAG, sondern gerne auch eine neue Performance.ALL TAG jedoch möchte ich jedem von euch empfehlen. Geht auf die Homepage von Max Howitz, bucht eine Karte oder ihn und lasst euch selbst von ALL TAG faszinieren. Es lohnt sich!

 

 

Manuel Kröger

 

Fotos © by Jara Lopez

Kategorien:Theaterkritik

Schlagwörter:, , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s