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MADE IN FRANCE – BEKLEMMEND

Regisseur: Nicolas Boukhrief

Drehbuch: Éric Besnard, Nicolas Boukhrief

Mit: Malik Zidi, Dimitri Storoge, François Civil, Nassim Si Ahmed, Ahmed Dramé, Nailia Harzoune

 

Ein Film über islamistische Attentäter in Paris – produziert im Jahre 2014, vor den Attentaten in Paris. Sowohl die Geschichte, die der Film erzählt, als auch die Geschichte des Films selbst beklemmen.

Wir sitzen im Rio Palast in Saal 1. Es ist eine Vorstellung im Rahmen des Filmfest München. Der Kinoleiter steht vorne mit einem Mikrofon und spricht über den Film, bevor er beginnt:

Der Film handelt von Sam (Malik Zidi), einem muslimischen Journalisten, der eine islamistische Terrorzelle in Paris infiltriert, indem er vorgibt, selbst ein Kämpfer für den Dschihad sein zu wollen. Es wird ein Bombenanschlag auf der Champs-Élysées geplant, vorher bewaffnen sich die Terroristen noch mit jeder Menge Schusswaffen. Im Jahr 2014 wurde der Film produziert, Anfang 2015 sollte er in die Kinos kommen. Doch dann wurde auf Charlie Hebdo das Attentat verübt. Der Film wurde vom Programm gestrichen. Das neue Datum für den Kinostart in Frankreich sollte der 18. November 2015 sein. Es wurden Filmplakate in Paris aufgehängt, mit dem Bild des Eiffelturms, der mit einer Kalaschnikow verschmilzt. Aber am 13.11.2015 wurden im Pariser Musikclub Bataclan mindestens 129 Menschen mit Kalaschnikows erschossen und mindestens 352 Menschen verletzt. Die Plakate wurden wieder abgehängt, der Kinostart erneut abgesagt. Bisher lief der Film nur auf dem 20th Busan International Film Festival in Südkorea und auf dem 73. Filmfest München, wo er wahrscheinlich zum letzten Mal auf der großen Leinwand gezeigt wurde.

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Made in France ist ein spannender Thriller, der angesichts der aktuellen Bedrohung durch den IS einen ungewollten und tragischen Realismus besitzt und mit den Bildern aus den Nachrichten im Hinterkopf geschaut wird; mit diesem Hintergrund sitze ich fassungslos, atemlos im Kinosessel und verfolge die Handlung mit einer Mischung aus Spannung und anderen, starken, nicht definierbaren Gefühlen; es sind auch Wut und Trauer dabei. Als zwei Kinobesucher rechts den Gang nach vorne laufen, erschrecke ich, weil ich in dem Moment diese schnelle Bewegung als bedrohlich empfinde, durch mein Hirn schießt der Gedanke: Was ist, wenn auch in dieses Kino Terroristen einfallen und um sich schießen? Die Spannung des Film steigt stetig bis zu einem nervenzerreißenden Höhepunkt an. Es wird nur an einer Stelle kurz im Publikum gekichert. Die Charaktere werden nicht nur von ihrer bösartigen Seite gezeigt, sondern es werden die Menschen gezeigt, die ein Ziel haben, einen Wunsch, einen Glauben, der natürlich stark fanatische Züge aufweist; aber die jungen Terroristen haben auch Familien, zweifeln und sind verletzlich. Nur einer wirkt wirklich bösartig: Hassan (Dimitri Storoge), der Anführer der Zelle. Sam gerät immer mehr in den Strudel der terroristischen Aktivitäten. Gemeinsam mit ihm versuchen der Film und der Zuschauer nachzuvollziehen, was für Menschen das sind, die für den Islamismus kämpfen, welchen Weg sie zum Terrorismus einschlagen, welche Motivationen sie treiben. Wir schauen ihnen dabei zu, wie sie die Anschläge plänen. Mir ist leicht übel, ich fühle Angst, Wut, Unverständnis, aber seltsamerweise auch Verständnis. Am Ende verstehe ich dieses brutale Phänomen ein wenig mehr.

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Nach der Vorführung bleiben die meisten Zuschauer sitzen, müssen die Eindrücke noch verarbeiten, ich auch. Dann machen wir uns auf den Heimweg: Still, nachdenklich und bedrückt. Aber auch froh, uns mit dem Terror konfrontiert zu haben und nicht nur seine brutale, sondern auch seine menschliche Seite kennengelernt zu haben. Denn Terroristen, so zynisch das klingt, sind Menschen mit einer Hintergrundgeschichte. Und nicht alle Terroristen sind an sich brutale und sadistische Menschen. Erschreckt das noch mehr, oder mindert es ein wenig den Schrecken? Ich weiß es nicht. Der Film hat mir aber einen Einblick in die Geschehnisse hinter den Attentaten gegeben. Wie viel davon wahr ist, weiß ich nicht. Real und glaubhaft aber erscheint der Film allemal.

Da der Film wahrscheinlich nicht mehr im Kino zu sehen sein wird: Auf DVD kaufen! Er ist für mich neben Tomorrow ebenfalls einer der wichtigsten Filme der letzten Monate.

 

Manuel Kröger

Fotos: © by Pretty Pictures

Kategorien:Filmkritik

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