Theater geeks Film

Culture is a big part of urban lifestyle

AFTERMATH – SCHAUSPIEL MIT NACHWIRKUNGEN

aftermath foto 1

Regie: Claus Peter Seifert

Autor: Michael Wüst

Mit: Erwin Aljukic, Patrick Freund, Carlo Himmel, Zoran Krga, Viorica Prepelita, Andrea Schneider

 

Wir sitzen im Kommandoraum des Haus Mucca neben dem Schwere Reiter in München. Der Theaterraum ist klein. Die Plätze sind alle belegt, ca. vierzig Zuschauer sind wir.

Schon beim Eintritt ist Gefidele zu hören. Ein Mann, Zoran Krga, steht auf der Bühne und spielt auf der Geige, öfters mit kratzig-schiefen Tönen, aber insgesamt stimmungsvoll. Inmitten der Bühne liegt ein Mann, Erwin Aljukic alias König Malik. Schläft er? Spielt er, tot zu sein? Wir setzen uns. Es herrscht eine familiäre Stimmung: Die Zuschauer kennen sich zum großen Teil untereinander, viele kennen die Schauspieler und das Team, das nicht auf der Bühne steht. Das Stück von Michael Wüst, Aftermath, wird hier uraufgeführt. Wir lächeln uns an, wechseln leise ein paar Worte, einige wechseln nochmal schnell den Sitzplatz, dann beginnt die Vorstellung.

Eine Frau, Viorica Prepelita, betritt die Bühne, in einem geblümten, altmodischen Kleid, das an Kleider aus einem osteuropäischen Land erinnert. Sie kniet sich neben König Malik, hilft ihm auf die Beine. Nach und nach kommen drei weitere Personen in den Raum: Andrea Schneider in einem grauen Kimono, Patrick Freund als kleines Mädchen verkleidet und Carlo Himmel mit einem Sakko, er spielt einen Vater und Ehemann.

aftermath foto 2.jpg

Es ist ein Stück, das von Dunkelheit und Verzweiflung handelt, von Verwirrung, dem Verlust der eigenen Identität, der Suche nach Normalität. Sie sind in einem Raum, manche freiwillig, andere wissen gar nicht, wie sie hierhergekommen sind, und warum sie so anders sind als heute Morgen, z. B. ist das kleine Mädchen auf einmal erwachsen geworden. Draußen herrscht die Dunkelheit, anscheinend hat eben die Apokalypse stattgefunden. Die Figuren versuchen, eine Familie zu sein, alte Rollen wieder einzunehmen. Doch die Vergangenheit kann nicht rekonstruiert werden. Sie beginnen König Malik dafür verantwortlich zu machen. Sie wollen ihn verbrennen, weil er sie hierhergebracht hat und damit über ihr Leben bestimmt hat.

Die Schauspieler sprechen mit starkem Ausdruck und einer sehr guten Spannung, die sich auch auf das Publikum überträgt. Die Texte sind poetisch und z. T. aus verschiedenen Werken zusammengetragen, u. a. aus Woyzeck und Werken Heinrich von Kleists.

Das Szenenbild besteht aus einer großen Stadtkarte, die sich über die gesamte hintere Wand erstreckt, einem Telefon und einer Schaltkreistafel. Es erinnert stark an die DDR. An die Zentrale eines Kriegsgenerals.

Es wird sehr schön gesungen – Fragile von Sting. „How fragile we are“ kann wohl als Kernsatz des Stücks gesehen werden: Wie zerbrechlich ist unsere Welt, unsere Zivilisation, unsere Beziehungen zueinander, unsere Lebenspläne, unsere Identitäten. Kraftvoll sprechen die Figuren im Chor: „Kunststoffmenschen“ wird gerufen, womit wohl wir im Publikum und die Menschen allgemein gemeint sind, Menschen, die nicht mehr echt sind. Ein wenig zu viel wird mir mit Worten, wie „Vagina“, „Dildo“ und weiteren Anzüglichkeiten, um sich geworfen. Ich frage mich: Welchen Sinn haben diese? Sollen damit einfach nur typischerweise Tabus gebrochen werden (gibt es eigentlich noch Tabus auf der Bühne?) oder provoziert werden (ist das eine echte Provokation?)?

Das Stück wird durch das Geigenspiel von Zoran begleitet und immer wieder kommentiert. Was verschiedene Stimmungen erzeugt, vor allem Komik und Melancholie. An Komik fehlt es diesem Stück nicht: Es wird das Konstrukt der Familie ironisiert, die Figuren in ihrer verzweifelten Suche nach Normalität und in ihren Verschrobenheiten, wunderbar transportiert durch das komischen Talent der fünf Schauspieler bringen das Publikum zum Lächeln, Kichern und Lachen. Ein Rätsel bleibt mir auch der König Malik. Erwin Aljukic meint über seine Rolle und das Stück:

„Das Stück sublimiert sehr Vieles von der aktuellen Welt in der wir leben. Auch wenn das meiste nicht auf den ersten Blick sichtbar ist, wird jeder von uns dennoch auf einer gewissen Weise davon beeinflusst. Dabei hinterfragen wir das alles nicht. Die Rolle Malik jedoch weiß um das Dahinter der Dinge. Auch wenn er im Stück mitten im Geschehen ist, dient er in gewisser Weise als Mittel zum Zweck…diesen Spagat finde ich in der Rolle sehr spannend!“ (Quelle: www.evensi.de)

Am Ende bleiben Fragen: Wie geht diese Geschichte eigentlich aus? Muss diese ein Ende haben? Soll sie enden, weil sie einer Albtraumvision gleicht? Wir Zuschauer müssen uns selbst ein Ende denken.

aftermath foto 3

Insgesamt ist das Stück spannend, vor allem die Texte und das Schauspiel fesseln. Gerne aber hätte ich noch mehr Handlung gesehen, vor allem auch Handlung, die mehr Logik enthält und gerne auch ein wenig klassische Dramatik enthält. Empfehlenswert aber ist es, im Kopf bleibt es. Das Stück und seine Inszenierung wirken nach: Die Leerstellen regen zum Selbstdenken an.

Über eine Wiederaufnahme – wahrscheinlich im November – wird nachgedacht. Also gerne hingehen!

 

Manuel Kröger

 

 

Fotos © by Holger Borggrefe

Kategorien:Theaterkritik

Schlagwörter:, , , , , , , , , , , , , , , , ,

1 Antwort

Trackbacks

  1. Aftermath - Andrea Schneider

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s